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Vorwort zum Themenheft: 
 
Etappen des Wachtelkönigschutzes

Der Wachtelkönig gehört bekanntermaßen zu den wenigen bundesdeutschen Brutvogelarten, die weltweit in ihrem Bestand bedroht sind. Im Vergleich zu den meisten anderen einheimischen Vogelarten mußte der Wachtelkönig bis vor wenigen Jahren als eher unbekannt eingestuft werden. Die Wissenslücken hinsichtlich Biologie und Ökologie erschwerten lange Zeit gezielte Schutzmaßnahmen. Wie groß die Kenntnisdefizite waren, zeigt die Aussage von FLADE aus dem Jahre 1991. Er publizierte im Sonderheft "Biologie, Status und Schutz des Wachtelkönigs" der VOGELWELT (112. Jahrgang) eine Aufstellung des zukünftigen Untersuchungsbedarfes und stellte unter anderem die Frage: "Schreiten Wachtelkönige in zentraleuropäischen Flußtälern überhaupt noch zur Brut ?" So einfach diese Frage klingt, sie war damals und ist noch heute zumindest für große Flächen nicht ohne weiteres zu beantworten.

Am 29. und 30. November 1989 fand in München ein vom ICBP und LBV veranstalteter Wachtelkönigworkshop statt. Ziel war es damals, den Wissenstand hinsichtlich Biologie, Status und Schutz des Wachtelkönigs darzustellen. Die Arbeiten wurden im bereits erwähnten Sonderheft der Vogelwelt publiziert. Am zweiten Tag der Veranstaltung trafen sich Spezialisten aus den einzelnen Ländern intern über ungeklärte Fragen und mögliche Schutzkonzepte. Es bestand die "allgemeine Auffassung, daß ein Schutzkonzept für den Wachtelkönig länderübergreifender Natur sein muß. Bedingt durch die starken Bestandsfluktuationen von Jahr zu Jahr und die möglicherweise vorhandene hohe Mobilität während der Brutperiode machen kleinflächige und regionale Programme wenig Sinn." Diese Aussage von SOTHMANN hat unbestritten noch immer volle Gültigkeit. SOTHMANN schreibt im Editorial zum Sonderheft der VOGELWELT weiter: "Der Wachtelkönig ist kein Objekt, an dem die Forschung schnell zu spektakulären Ergebnissen kommen wird. Die Heimlichkeit der Art und die Schwierigkeiten seiner Beobachtung, die Verborgenheit der Nester und die Probleme, den Bruterfolg festzustellen, machen die Forschung am Wachtelkönig durch Experten und Forschungsteams erforderlich. Die Mitarbeit von Amateuren ist wünschenswert". Auch diese Aussage hat nichts an ihrem Richtigkeit verloren.

Im Oktober 1994 trafen sich in Danzig auf Einladung von BirdLife International und mit finanzieller Unterstützung der Royal Society for the Protection of Birds (RSPB) und der Europäischen Union (LIFE-Programm) Wachtelkönigexperten aus nahezu allen Ländern seines Verbreitungsgebietes, um an der Entwicklung eines europaweiten Schutzprogrammes mitzuarbeiten. Dieser sogenannte "Action Plan for the Corncrake in Europe" ist mittlerweile publiziert und stellt unbestritten einen Meilenstein für den Wachtelkönigschutz dar. Während dieser Veranstaltung wurde auch die International Corncrake Research Group gegründet.

Am 25. und 26 November 1995 lud der LBV Wachtelkönigexperten aus zahlreichen Ländern zu einem Internationalen Wachtelkönigsymposium nach Freising ein. Ziel war es, den derzeitigen Kenntnisstand hinsichtlich Biologie und Ökologie des Wachtelkönigs darzustellen. FLADE nannte 1991 als wünschenswerte Untersuchungsschwerpunkte für die Zukunft Fragen nach Habitatstruktur, Home range, Aktionsradius der Jungvögel, Mauserhabitat, Zeitpunkt des Verlassens der Brutgebiete, Nahrungsspektrum, günstige Nutzungsformen von Grünland sowie Brutorts- bzw. Geburtsortstreue. Viele dieser Fragen konnten in den vergangenen Jahren zumindest zum Teil beantwortet werden. Einige der neueren Arbeiten wurden während des Internationalen Wachtelkönigsymposiums in Freising vorgestellt und werden im vorliegenden Band veröffentlicht. Arbeitsgruppen und Einzelpersonen in Irland, Schottland, Polen, Deutschland, Rußland, Lettland, Estland, Bulgarien, Rumänien, Ägypten, Slovenien, Italien, Österreich, Frankreich, Belgien, Schweden, Tschechien und der Slowakei ist es gelungen, ein wenig Licht in die versteckte Lebensweise des Wachtelkönigs zu bringen.

Kartierungen im großen Maßstab erbrachten ein vollkommen neues Bild von der Größe des Wachtelkönigweltbestandes. So war die Anzahl rufender Männchen beispielsweise in Lettland, vor allem aber in Rußland wesentlich größer als bisher angenommen. Hierauf wurden bereits Stimmen laut, den Wachtelkönig von der Liste weltweit im Bestand bedrohter Arten zu streichen. Die Größe des Weltbestandes rechtfertigt in diesem Moment wohl tatsächlich diese Einstufung nicht mehr. Dennoch ist zu beachten, daß

  • Wachtelkönige fast ausschließlich in anthropogenen Lebensräumen vorkommen und von bestimmten Bewirtschaftungsformen abhängig sind;
  • wie zahlreiche Beispiele belegen auch individuenreiche Wachtelkönigbestände nach vermeintlich geringfügiger Änderung der Nutzungsform innerhalb von nur wenigen Jahren völlig verschwunden sind;
  • sich in den Ländern des Verbreitungsschwerpunktes (Mittel- und Osteuropa) bedingt durch die politischen und ökonomischen Umwälzungen die landwirtschaftliche Nutzung derzeit dramatisch verändert;
Gerade der letzte Punkt ist unter Umständen von entscheidender Bedeutung: So ist beispielsweise die Produktion von Agrochemikalien (einschließlich Pestiziden) in der ehemaligen Sowjetunion von jährlich durchschnittlich 215.566 Tonnen (100%) (Zeitraum 1986-1990) auf entsprechend 51.710 Tonnen (Zeitraum 1991-1995) (24%) zurückgegangen und lag 1994 bei 34.650 Tonnen und 1995 bei nur noch bei 29.011 Tonnen. Wesentlich entscheidender wirkte sich jedoch wohl der Engpaß von Treibstoff für Mähmaschinen aus. Hierdurch wurden große Flächen erst spät im Jahr oder überhaupt nicht gemäht - für Wachtelkönige eine ausgesprochen günstige Situation. In einigen Ländern der ehemaligen Sowjetunion wie zum Beispiel Lettland oder Estland, hat Privatisierung dazu geführt, daß große Flächen nicht mehr Bewirtschaftet werden. In Lettland liegt derzeit nach eigenen Schätzungen etwa die Hälfte aller Wiesen brach. Bedenkt man, daß ein Wachtelkönigweibchen zwei erfolgreiche Bruten je Brutsaison haben kann und jedes Gelege aus 10 bis 12 Eiern besteht, wird verständlich, daß der Wachtelkönigbestand innerhalb nur weniger Jahre regelrecht explodieren könnte. Langfristig werden brachliegende Flächen jedoch verbuschen, oder es kommt zu einer Nutzungsänderung mit in der Regel negativen Auswirkungen auf Wachtelkönigbestände.
Die beschriebene Situation macht zweierlei deutlich: zum einen sind die derzeitigen Wachtelkönigzahlen in den osteuropäischen Ländern kaum zu bewerten. Andererseits können sich die Verhältnisse innerhalb kürzester Zeit grundlegend ändern und "source populations" zu "sink populations" werden.

Während des Internationalen Wachtelkönigsymposiums in Freising wurde deutlich, daß bisher eine Reihe von Fragen zur Biologie und Ökologie des Wachtelkönigs noch immer nicht ausreichend beantwortet werden konnte. Hierzu gehören vor allem Fragen zu

  • Brutverbreitung (nicht nur Nachweis rufender Männchen ohne zusätzliche Informationen) in mehreren Ländern; hierzu gehört auch Deutschland
  • Trennen von Verschleiß- und Überschußbeständen ("source and sink populations"; "living deads")
  • Wirksamkeit von Schutzmaßnahmen
  • Bestandsentwicklung
  • Methoden zur Erfassung des Bruterfolges
  • Bewegung während der Brutsaison
  • Alters- und Geschlechtsbestimmung, Stimmeninventar (Untersuchungen nur in Volieren sinnvoll)
  • Überwinterungsquartier
Diese Auflistung soll Anregungen für weitere Forschungsprojekte geben.

Wir möchten uns an dieser Stelle ganz herzlich bei allen Referenten für ihre Mitarbeit am gelungenen Internationalen Wachtelkönigsymposiums des LBV (25.-26. November 1995, Freising) sowie die Abgabe ihres in diesem Heft publizierten Manuskriptes bedanken. Unser Dank gilt auch dem Bayerischen Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen, von dem das Internationale Wachtelkönigsymposium finanziell unterstützt wurde. Und schließlich bedanken wir uns bei Andreas Helbig und Martin Flade sowie dem AULA-Verlag für ihr Entgegenkommen bei der Herstellung dieses Heftes. Wir würden uns freuen, wenn dieses Heft ein kleines Mosaikstückchen auf dem Weg zu einem erfolgreichen Wachtelkönigschutz wäre.

Norbert Schäffer, Landesbund für Vogelschutz in Bayern e. V (LBV)
Rhys E. Green, Royal Society for the Protection of Birds (RSPB)

Literatur
ANONYMUS 1996: Productional and economical indices of the development of the agricultural complex in Russia in 1995. Moscow. Informagrobusiness: 269 pp.
COLLAR, N. J., M. J. CROSBY & A. J. STATTERSFIELD 1994: Birds to Watch 2 - The World List of Threatened Birds. - BirdLife Conservation Series 4: 1 - 407.
CROCKFORD, N. J., R. E. GREEN, G. ROCAMORA, N. SCHÄFFER, T. J. STOWE & G. M. WILLIAMS 1997: A summary of the European Action Plan for the Corncrake Crex crex.
FLADE, M. 1991: Die Habitate des Wachtelkönigs während der Brutsaison in drei europäischen Stromtälern (Aller, Save, Biebrza). - Vogelwelt 112 (1 - 2): 16 - 39.
GREEN, R. E., G. ROCAMORA & N. SCHÄFFER 1997 Populations, ecology and threats to the Corncrake Crex crex in Europe. Vogelwelt.
KEIŠS, O. 1997: Results of a randomised Corncrake Crex crex survey in Latvia 1996: population estimate and habitat selection. Vogelwelt.
MISCHENKO, A. L., O. V. SUKHANOVA, V. T. BUTJEV, A. A. MOSALOV, A. P. MEZHNEV 1997: The results of Corncrake survey in 9 regions of Central Russia in 1995. Vogelwelt.
SCHÄFFER, N. 1997: Habitatwahl und Partnerschaftssystem von Tüpfelralle Porzana porzana und Wachtelkönig Crex crex. Dissertation. Universität Würzburg: 244 p.
SOTHMANN, L. 1991: Editorial - Biologie, Status und Schutz des Wachtelkönigs. Vogelwelt 112: 2-5.
TYLER, G. A. 1996: The ecology of the Corncrake, with special reference to the effect of mowing on breeding production. PhD thesis. University College Cork.

 
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